20Nov

Haben und leben wir untereinander ein biblisches Gemeindeverständnis?

In anderen Worten: Sind wir in der Theorie und auch in der Praxis eine auf die Bibel gegründete Gemeinde? Viele werden denken: „Na klar! Dumme Frage!“ Glücklich der, der so denkt.

Eine kleine Geschichte: Ein junger Rechtsanwalt richtete sich in einer fremden Stadt ein neues Büro ein. Alles war da. Seine Diplome an der Wand, Bücher, Schreibtisch, sein Logo am Schaufenster. Das Telefon (Linea Baja – Festanschluss) war auch schon da, nur Copaco hatte es noch nicht angeschlossen. Da kam am zweiten Tag der erste Kunde. Der Rechtsanwalt dachte: „Na, ich muss als Werbung einen ordentlichen Eindruck machen. Er ließ also den Kunden warten und simulierte einen Telefonanruf. Nach zwei Minuten legte er auf, wandte sich freundlich an den Kunden und fragte nach seinen Wünschen. Der Kunde antwortete: „Ich komme von Copaco, um ihr Telefon anzuschließen.“ Welche Blamage!

Genau in derselben Gefahr stehen wir als Christen und auch als Gemeinde. Alles mit der Organisation stimmt, nur die Verbindung ist unterbrochen. Ich persönlich habe viele Kämpfe mit meinem Gemeindeverständnis gehabt. Bis zu dem Tag, wo mir in einer Predigt gesagt wurde: „Gemeinde, eine Gemeinschaft versöhnter Menschen.“ Gemeinde sind Menschen, die die Gnade Jesu erfahren haben, sich untereinander unterstützen und lieben, um gemeinsam das Ziel zu erreichen. Der Apostel Paulus schreibt in Galater 6 Vers 2: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Dieses unterstützen, untereinander wahrnehmen, lieben, helfen, Gemeinschaft haben, einer dem anderen seine Schuld bekennen: wie können wir das bei uns fördern?

Ich versuche mal zu erklären, welches Ursachen unserer Indifferenz oder Gleichgültigkeit sein könnten:

  1. Wir glauben, dass derjenige, der sich bekehrt hat, getauft und in die Gemeinde aufgenommen wurde, perfekt ist.
  2. An Gemeindeglieder und auch an uns legen wir einen hohen Maßstab an: Ein Christ ist perfekt und sündigt nicht mehr. Es darf einfach nicht sein.
  3. Wenn wir doch sündigen, bekennen wir unsere Schuld nicht und tun so als seien wir perfekt.
  4. Deshalb wagen wir es auch nicht, einem Bruder oder einer Schwester um Hilfe zu fragen. Christen sind perfekt und brauchen keine Hilfe.
  5. Die Folge ist: Jeder zieht sich in sich selbst zurück und isoliert sich vom Bruder.
  6. Uns ist nicht bewusst, dass Satan uns mit aller Gewalt zurückhaben will. Dazu schickt er Versuchungen ohne Zahl.
  7. Satan weiß, dass er die am Leichtesten wieder zurückbekommt, die glauben, alles alleine wieder auf die Reihe zu bekommen.
  8. Wir sind uns oft unserer Schwachheit nicht bewusst.
  9. Wir predigen es nicht, aber wir leben so, als ob die Gemeindezugehörigkeit ein Gnadenmittel (Sakrament) wäre. Sie ist uns oft ein Schlafmittel.

Vom Grunde unseres Herzens wünschen wir uns alle eine lebendige Gemeinde, eine Heimat für unsere Seele, einen Ort, wo wir unser Haupt hinlegen können. Eine Gemeinde, wo Jesus und der Heilige Geist das Sagen haben.

Ja, Gemeinde fängt da an, wo sich Menschen, die ihr angehören, vom Geist Gottes leiten lassen und ihm gehorsam sind. Dann sind das Telefon und auch der Strom angeschlossen.

Was kann jeder von uns tun, oder was müssen wir lernen, um eine lebendige Gemeinde zu sein?

  1. Wir müssen erkennen, dass unser Glaube ein angefochtener Glaube ist! Dazu Epheser 6 Vers 12: „Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel.“
  2. Wir müssen zu unserer Schwachheit stehen! Dazu Hebräer 4 Verse 15-16: „Jesus ist ja nicht ein Hohepriester, der uns in unserer Schwachheit nicht verstehen könnte. Vielmehr war er – genau wie wir – Versuchungen aller Art ausgesetzt, ´allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass` er ohne Sünde blieb.  Wir wollen also voll Zuversicht vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten, damit er uns sein Erbarmen schenkt und uns seine Gnade erfahren lässt und wir zur rechten Zeit die Hilfe bekommen, die wir brauchen.“
  3. Wir müssen unsere Sünden dem Bruder bekennen und so Jesus die Möglichkeit geben, uns zu reinigen! Dazu:
  • Johannes 1 Vers 9: „Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er unsere Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.“
  • Jakobus 5 Vers 16: „Bekennt einander eure Sünden und betet füreinander damit ihr gesund werdet.“
  • Psalm 32 Vers 3-4: „Denn als ich es wollte verschweigen, verschmachteten meine Gebeine durch mein tägliches Klagen, denn deine Hand lag schwer auf mir.
  1. Stellen wir uns doch unter die Last des Bruders! Dazu Galater 6 Vers 2: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“
  2. Bitten wir doch um den Heiligen Geist, um Führung, Erkenntnis und Durchblick! Dazu Lukas 11 Vers 13b: „Wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten.“
  3. Seien wir doch barmherzig mit den Brüdern, die schwach oder gefallen sind, oder die an uns schuldig geworden sind! Dazu:
  • Matthäus 6 Vers 12: „Und vergib uns unsere Schuld so wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“
  • Markus 11 Vers 25: „Und wenn ihr steht und betet, so vergebt, wenn ihr etwas gegeneinander habt, damit euch euer Vater im Himmel auch eure Übertretungen vergebe.“ Dieser Vers ist die größte Verbitterungsbremse, die es so gibt.
  • Matthäus 5 Vers 7: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“
  1. Lasst uns an der Gemeinschaft der Kinder Gottes festhalten! Dazu Hebräer 10 Verse 23-25: „Lasst uns Festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat. Und lasst uns aufeinander achthaben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken, und nicht verlassen unsere Versammlungen wie einige zu tun pflegen; sondern einander ermahnen und das umso mehr als ihr seht, dass sich der Tag naht.“

 

Abschließend noch ein Wort zum Büro des Rechtsanwaltes in unserer Eingangsgeschichte. Das Büro war perfekt; doch es konnte nicht funktionieren. Es war alles Fassade. Der Kontakt war unterbrochen. – So ist es auch mit all den äußeren Dingen in einer Gemeinde, die uns vor Augen sind. Sie verlieren komplett ihren Sinn, wenn die Herzen der Gemeindeglieder nicht mit Christus in Verbindung stehen.

Ihm, Jesus, wollen wir uns neu weihen, dass wir einander Gemeinde und Heimat sein können. Amen.

Georg Heidrich

MBG Friesland