29Oct

Ein Aufruf zu mehr „Menschlichkeit“

Eine pastorale Sicht – Im Sinne von Micha 6,8

Es ist uns gesagt, was gut ist: „Sei menschlich zu deinen Mitmenschen“!
„Der Herr hat dich wissen lassen, Mensch, was gut ist und was er von dir erwartet: Halte dich an das Recht, sei menschlich zu deinen Mitmenschen und lebe in steter Verbindung mit deinem Gott!“ (Micha 6, 8 GN)
Als Vereinigungspastor war es seit Anfang dieser Pandemie mein Bemühen, mich für mehr „Menschlichkeit“ einzusetzen. Nicht weitere Regeln herauszugeben, denn Untergebene stehen immer in der Gefahr, diese nur noch zu verstärken.
Wie in dieser Zeit mit Kranken, Schwachen, Alten, Kindern und Einsamen, im „Namen der Gesundheit“ umgegangen werden soll, lässt sich meines Erachtens mit gesundem Menschenverstand schwierig erklären. So viele Regeln und Verbote, die inhaltlich im Kontext vielfältiger Wissenschaft schwierig nachvollziehbar sind und dazu in einigen Fällen recht paradox bewertet werden, machen es für den einfachen „Hausverstand“ nicht leichter. Noch nie wurden weltweit so die Grundrechte des Einzelnen beschnitten wie zu dieser Zeit. Die gemalten Horrorszenarien sind zum großen Teil, und Gott sei Dank, nicht eingetroffen. Doch Angst und Unsicherheit sitzen immer noch tief.
In Zeiten von so vielen Regeln, Verboten, Gesetzen und Restriktionen frage ich mich immer wieder, welchen pastoralen Aufruf kann ich weitergeben, der all den Gesetzen und Verboten übergeordnet werden kann. Und, der gleichzeitig nicht auch wieder ein Verbot ist, sondern ein Aufruf zu einer gottgewollten proaktiven Handlung. Hier scheint: „Der Herr hat dich wissen lassen, Mensch, was gut ist und was er von dir erwartet: Halte dich an das Recht, sei menschlich zu deinen Mitmenschen und lebe in steter Verbindung mit deinem Gott!“ passend zu sein.
In dieser Pandemiezeit scheinen fast alle Bestimmungen auf den Erkenntnissen der Virologen zu beruhen. Plötzlich scheint es, als ob das gesamte gesellschaftliche Leben ausschließlich aus der Medizin betrachtet wird und hier wiederrum mit einem Tunnelblick der Virologie. Und viele fragen sich zurecht „und wo bleiben Soziologen, Psychologen, Theologen und Wirtschaftswissenschaftler und v.a.m.“?. Als Menschen bestehen wir nicht nur aus unserem „physiologischen Körper“, Seele und Geist gehört auch dazu. Aber wer entscheidet in dieser Zeit, ob und inwiefern Seele und Geist in Betracht gezogen werden?
Geschwister, lasst uns darum bemüht sein, die Kranken, Alten und Gebrochenen nicht in ihren schwersten Stunden des Lebens, in Einsamkeit dahinleiden zu lassen. Liebe Eltern, kümmert euch um das ganzheitliche Wohl eurer Kinder. Ergreift Initiative und begleitet sie, wenn sie nun in der Gefahr stehen, in der Entwicklung ihrer Persönlichkeit Schaden zu erleiden. Wie in einigen Situationen mit Tod und Trauer, und dem „Verstorbenen“ umgegangen wird, ist äußerst bedenklich. Ich rufe auf zu mehr „Menschlichkeit“.
Ich bin immer wieder überrascht, über die „strenge Regierungshörigkeit“ unserer Gesellschaft. Christen begründen die mit Römer 13 u.ä. Texte. Diesen Gehorsam sehe ich nicht bei der Steuerangabe, im Straßenverkehr und unzähligen anderen Situationen. Das wir uns bis hin zur gegenseitigen Anzeige hinreißen lassen, finde ich sehr bedenklich. Da nun die Vorschriften für den kirchlichen Kontext auch immer wieder eine „Grauzone“ beinhalten, bedeutet dieses, dass wir aus Eigenüberzeugung und Selbstverantwortung für unsere Situation lokal vor Ort eine Entscheidung treffen müssen. Ich bin besorgt, immer wieder zu hören, das hier angeblich die Angst das uns jemand „verklagen“ wird, die Entscheidungsfindung bestimmen will. Auch dieser Angst will ich Micha 6, 8 entgegenhalten. Seien wir darum bemüht, Gottes gesamtes Wort einzuhalten und darüber hinaus dem Nächsten mit „Menschlichkeit“, wie wir es im Normalfall von klein auf gelernt haben, zu begegnen. In unserer demütigen Beziehung zu Gott wird und will Er uns darin anleiten.
Und noch einige Worte zu einer recht einseitigen Auslegung zu Römer 13, wenn behauptet wird, gerade wir als Christen, sind dazu verpflichtet, ohne zu hinterfragen die Anweisungen des Staates zu befolgen, sonst sind wir kein Vorbild. Ja, wir werden in Römer 13 dazu aufgefordert „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat“. Meines Erachtens dazu gehörend, aus diesem Text und dem biblischen Kontext abgeleitet, sind weitere Aspekte zu beachten. 1) Gott setzt Regierung ein, diese muss Gott gehorchen, darum sollen wir Regierung gehorchen, um letztendlich Gott zu gehorchen. 2) Weltliche Obrigkeit darf sich die Verwaltung des Wortes Gottes und der Sakramente nicht aneignen. 3) Wenn die Regierung untersagt, was Gott fordert; oder fordert was Gott untersagt, können sich Christen dem nicht unterordnen. 4) Der Autoritätsbereich von Kirche berührt sich mit der Regierung im Gebiet der Moral (im anständigen Verhalten). Die Kirche trägt die Aufgabe auf Grundlage des Wortes Gottes, hier auf Regierung und ihrer Politik Einfluss zu nehmen. Das sehen wir unter anderem am Beispiel von Micha so klar und deutlich.
Und auch aus diesen gewonnenen Erkenntnissen, stelle ich persönlich dann Micha 6, 8 über die unzähligen Regeln und Verbote dieser Pandemiezeit und vertraue darauf, dass Gott mich in Endscheidungsprozessen, die mein persönliches Leben betreffen, die unser Familienleben betreffen und die meine Verantwortung in meiner Arbeit betreffen, führen wird. Ja, in einigen Fällen entscheide ich mich, für das ganzheitliche Wohl meiner Familie, auch wenn ich dabei einige Verbote vom Staat nicht einhalte, aber ich denke, sie sind im Geiste von Micha 6, 8 gerechtfertigt.
Ich ermutige zu mehr Menschlichkeit, zu mehr „Nähe“, zu mehr demütiger Haltung zu Gott, zur Beachtung der gesamten Schrift! Und in diesem Sinne ist ein jeder von uns herausgefordert abzuwägen. Ich wünsche dir, wenn du ein „Amtsträger“ bist, und Pandemieregeln und Verbote auferlegst, dabei mit aufrichtigen Blick Gott und deinen Nächsten anschauen kannst und dass du dabei mit ruhigem Gewissen in den „Spiegel“ schaust. Ich wünsche dir, wenn du in dieser Zeit Pandemieregeln und Verbote gehorsam auslebst, dass du dabei Gott und deinen Nächsten, mit aufrichtigem Blick begegnen kannst. Ich ermutige zu mehr Menschlichkeit, Gott segne dich!

Eldon August