27May

Ergebnisse der Glaubenskonferenz 2019 der Vereinigung der Mennoniten Brüdergemeinden Paraguays

Im Rahmen der 45. Delegiertenkonferenz der Vereinigung der Mennoniten Brüdergemeinden Paraguays tagte vom 26. bis 28. April 2019 in der Filadelfia Ost MBG eine Glaubenskonferenz zum Thema „Lernerfahrungen aus den traumatischen Ereignissen unserer Geschichte in Russland“. Zeugnishafte Kurzbeiträge und die Vorträge von Horst Dieter Janz und Johannes Dyck haben uns zum Gespräch in Gruppen und im Plenum angeregt.

1) Folgende geschichtliche Fakten, die auf dieser Glaubenskonferenz genannt wurden, wollen wir festhalten, um uns in unserer Gegenwart und angesichts unserer Zukunft zu orientieren:

  • Unsere Vorfahren in Russland und in der Sowjetunion durchlebten im 19. und 20. Jahrhundert folgende geschichtliche Etappen: Isolation durch die Ansiedlung in Kolonien (Katharina II), Integration durch staatliche Reformen (Alexander II), Marginalisierung (Nikolaus II), Duldung nach der kommunistischen Revolution (Lenin), Totalitarismus durch Landenteignung und Glaubensverfolgung (Stalin).
  • Das biblisch-täuferische Erbe der Bruderschaft und des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen hat die Mennoniten Brüder Gemeinden in Russland und in der Sowjetunion inmitten schwerer Prüfungen und Verfolgungen vor dem Untergang bewahrt.
  • Die Erweckung um 1860, die zur Entstehung der Mennoniten Brüdergemeinde führte, beinhaltete ein exklusives Bruderschaftskonzept, und zwar in dem Sinn, dass nur bekehrte Mennoniten zur Glaubensfamilie gehören sollten. Damit grenzte man sich von dem zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits gängigen Kulturmennonitentum ab.
  • Aus dem Jahr 1917 stammt die letzte genaue Statistik der mennonitischen Bevölkerung in Russland: Zu der Zeit lebten dort rund 93.500 Mennoniten, von denen sich rund 20% mit der Mennoniten Brüdergemeinde und rund 79% mit der kirchlichen Mennoniten Gemeinde identifizierten.
  • Am Beispiel der unkritischen Loyalität der Mennoniten mit dem feudalistischen, korrupten Zarensystem zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde uns deutlich gemacht, dass es sehr verhängnisvoll sein kann, wenn man die Augen und Herzen vor der sozialen Realität, in der man lebt, verschließt.
  • Man kann davon ausgehen, dass das brutale Vorgehen von Nestor Machno, vor allem im Massaker von Eichenfeld, eine Reaktion auf den mennonitischen, bewaffneten Selbstschutz war. Dieser Selbstschutz war eine damals unter den Mennoniten umstrittene Strategie, sich vor den räuberischen, plündernden und vergewaltigenden Räuberbanden zu schützen. Wir haben vernommen, dass die Frage des Selbstschutzes in den mennonitischen Gemeinden intensive theologische Debatten ausgelöst hat und man sich vorübergehend dahin einigte, die ethische Entscheidung, sich mit Waffen zu schützen oder an der Wehrlosigkeit festzuhalten, dem Gewissen jedes Einzelnen zu überlassen. Nach den schlimmen Erfahrungen mit dem Selbstschutz haben sich die mennonitischen Gemeinden in Russland allerdings wieder sehr deutlich für das Festhalten an der Wehrlosigkeit ausgesprochen.
  • Nach 1909 veränderte sich der Status der Mennoniten in Russland: Vorher galten sie als ausländische Glaubensgemeinschaft, jetzt aber aufgrund ihres missionarischen Engagements als gefährliche und verbotene Sektierer, die von der Geheimpolizei überwacht und auch radikal bekämpft wurden.
  • Am Beispiel des missionarischen Engagements von Johannes Wieler ist uns bewusstgeworden, dass die Segensspuren bzw. Frucht missionarischer Arbeit sich oft erst Jahrzehnte später bemerkbar machen. Die russischen Baptisten übernahmen von Wieler die Gemeindestruktur und boten Jahrzehnte später den verfolgten, entwurzelten Mennoniten eine geistliche Heimat.

2) Das theologische Motto unserer Glaubenskonferenz entnahmen wir dem Vaterunser: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ (Mt. 6,12) Wir haben erkannt, dass unsere Vorfahren als Täter an ihren Mitmenschen schuldig wurden und gleichzeitig als Opfer unter der totalitären Ungerechtigkeit anderer gelitten haben. In beiden Fällen gilt das Angebot der Vergebung und Heilung.

3) Als Nachkommen der Mennoniten Russlands, denen auf wundersame Weise die Freiheit geschenkt wurde, sind wir besonders dankbar für den Freiraum in Paraguay, in dem wir unseren Glauben und unser Kulturerbe ausleben dürfen. Wir sind neu dankbar geworden für den Glaubensmut unser Vorfahren, von denen viele uns ein Vorbild darin sind, trotz der schweren Vergangenheit nicht zu verbittern. Dankbar wollen wir an dem Erbe der christlichen Bruderschaft und Solidarität (d.h. der geistlichen Verbindlichkeit in der Glaubensfamilie) sowie dem Prinzip der Wehrlosigkeit bewusst festhalten. In Dankbarkeit anerkennen wir auch die Missionsinitiativen, die die Einwanderer aus Russland durch Evangelisation und ganzheitliche diakonische Projekte in Paraguay verwirklicht haben.

4) Als Nachkommen bzw. Mitbetroffene wollen wir folgende Traumata, Verletzungen und verbitterte Denkmuster erkennen, bekennen und loslassen:

  • Unsere traumatische Vergangenheit, die uns bis heute noch bewusst oder unbewusst prägt. Unter Machno und den Kommunisten haben unsere Vorfahren unsagbar tiefes Leid erfahren: Enteignung, Hunger, Verschleppung, Verfolgung, Vergewaltigungen, Arbeitslager, Gefängnis, sowie Mord und Totschlag. Es stimmt uns traurig, dass unsere Vorfahren so viel Leid und Schmerz erleben mussten. Wir gedenken ihres Leidens- und Glaubensmutes. Zugleich lassen wir dieses Leid los und vergeben denen, die uns Unrecht getan haben (Machno, dem kommunistischen Regime, den Russen usw.).
  • Unsere Opfer- und Inselmentalität, durch die wir uns von anderen abgrenzen.
  • Unsere Selbstgerechtigkeit und unser Stolz, mit dem wir uns über andere stellen und ihnen mit Kälte, Gleichgültigkeit, Vorurteilen und Verachtung begegnen.
  • Unsere mangelnde Bereitschaft, mit Konflikten und Verletzungen konstruktiv umzugehen, verbunden mit der Tendenz, unangenehme Erfahrungen oder Versagen zu verdrängen oder vorschnell zu vergeistlichen.
  • Unser Mangel an Barmherzigkeit und die Unfähigkeit, über persönliche Gefühle zu reden.

5) Als Nachkommen bzw. Mittäter fragen wir uns selbstkritisch:

  • Wie können wir das, was uns anvertraut wurde, verantwortlich verwalten, z.B. unser geistliches und kulturelles Erbe, die christlichen Werte, materielle Güter, Gaben, Wissen usw.?
  • Was beinhaltet ein einfacher Lebensstil für wohlhabende Mennoniten in einem Entwicklungsland?
  • Was motiviert uns wirklich für die Mission und Nachbarschaftshilfe?
  • Wie steht es um unsere Bereitschaft, um Christi willen eigene Vorteile aufzugeben oder auch zu leiden?
  • Wie können wir dem Wertezerfall, der sich durch eine materialistische Lebenshaltung entwickelt, entgegenwirken?
  • Wie pflegen wir liebevolle und herzliche (und nicht nur formelle und institutionelle) Beziehungen zu Menschen anderer Kulturgruppen?

6) Als paraguayische MB-Gemeinden mit einer tragischen Vergangenheit verpflichten wir uns dazu, in unserem Umfeld den ganzheitlichen Frieden, gegründet im Evangelium von Jesus Christus, zeugnishaft auszuleben, indem wir:

  • Einen evangelistischen Lebensstil in unseren alltäglichen Beziehungen trainieren.
  • Geistliche Gemeinschaft mit Personen anderer Kulturgruppen pflegen.
  • Werte für das interkulturelle Zusammenleben lehren und leben.
  • Ganzheitliche Friedensprojekte im Sinn unserer Überzeugung der Wehrlosigkeit fördern.
  • Sensibilität für soziale Unterschiede entwickeln und ihnen entgegenwirken.
  • Abbau von Vorurteilen und Feindbildern durch bewusstes und persönliches Kennenlernen anderer Kulturgruppen, insbesondere in der Erziehung von Kindern und Jugendlichen.
  • Erziehung zur Eigenverantwortung durch gemeinschaftliche Projekte: Nicht für, sondern mit anderen.

Mitglieder der Auswertungsgruppe: Heinz Dieter Giesbrecht, Horst Bergen, Norma Bergen, Waltraud Janz, Eugen Friesen, Heinz Epp, Roland Funk, Lynette Funk, Eldon August.

Mitglieder des Ältestenrates, die die Vorschläge der Auswertungsgruppe begutachtet und ergänzt haben: Horst Bergen, Theodor Unruh, Horst Dieter Janz, Victor Wall, Robert Villalba und Heinz Dieter Giesbrecht.

Dieser Artikel wurde entnommen aus der Mai-Juni Ausgabe der Zeitschrift Gemeinde unter dem Kreuz des Südens (GuKS) welche von der Vereinigung der Mennoniten Brüder Gemeinden Paraguaysherausgegeben wird. HIER können sie die ganze Ausgabe lesen.